Schafe Schuesse

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8/10 Punkten

von Danny B.Helm

Abgesehen von drei Demos, verfolgte ich die Entwicklung der Hessen von Act Of Creation mit sämtlichen Ups and Downs seit ihrer quasi Debütscheibe "Secret Memoirs Ofd A Forced Fate" (*2.010), die sie noch mit englischen Texten garnierten. Schon zu Zeiten dieser Scheibe bekam ich eine Idee davon, was an Potential in dieser Band steckt, das sie mit ihrer Zweitscheibe "Endstation" (*ebenfalls 2.010) beeindruckend untermauerten, im gleichen Atemzügen sich selbst aber die Meßlatte verdammt hochlegten. Wenn es auch schwer ist Meilensteinalben wie "Endstation" gänzlich und umfassend beim Durchlauf dieses brandneuen Albums zu verbannen, dient "Endstation" (egal wie man es dreht) als Wegbereiter zu "Thion".

Der Begriff "Thion" ist so vielfältig wie die Nuancen des Albums selbst. Ich gehe aber davon aus, dass Act Of Creation hier nicht vom westafrikanischen Gebiet sprechen, sondern eher von Lehre der Stoffgruppen, der "Thione"/Thioketone, wo es um organische Verbindungen geht bzw. um eine Art Parallel-Realweltgemisch, dessen Basis die organischen Verbindungen sind.

Interessanterweise gibt es da aber auch (was just am Rande Erwähnung finden soll, um die komplette Palette der Begriffzusammenhänge zu nennen) einen "Serge Thion", ein französischer Soziologe, der als Holocaustleugner zu trauriger Bekanntheit gekommen ist. Da ich aber aus erster Hand weiß wie Act Of Creation zu solchen Schwachköpfen stehen, die den Holocaust leugnen, kommt demnach nur oben Genanntes infrage.

Act Of Creation sprechen bzgl. "Thion" davon, dass mit dem Album eine neue Form der Dunkelheit kommen wird, ob dem so ist, fand ich in den letzten Tagen herraus, indem ich mich vollkommen auf das Album einließ, um es so gut es mir möglich ist, erfassen zu können. Direkt mit dem rein instrumentalen Pfortenöffner und Albumtitelstück "Thion" (Track 1) gehen es Act Of Creation leicht opulent/cineastisch an, um mit "Tagtraum" (Track 2) eine gereifte Vollblütenqualität in Sachen Metal von der Kette zu lassen, vor allem die Schlagzeugarbeit von Tim Hanke und die Gitarrenarbeit von Chris Sänger baut erstes Säulenwerk für "Thion" auf. Frontkehlenduelle zwischen den Egos Uwe Laska/Jordan Flagg kommen einem direkt vertraut vor, sofern man das Album "Endstation" bereits kennt. Thematisch geht man direkt in die Realitsabbildvollen und hält der derzeitigen Welt den Spiegel vor und beschreibt zugleich die Handlungsweise vieler Menschen, die Rede ist vom "Verdängen", denn die Regierungen züchten ein neues Meer der Meister im Verdrängen heran, um diese Aussaat nach Belieben für sich zu nutzen. Wahnsinn, was der erste Song alles an Dreck unter den Nägeln (r)ausspült.

Kaum ist dieser Fahrstuhl nach unten an der ersten Unteretage vorbei, gibt es mit "Geist" (Track 3) ein schwerelastigen Brett vor den Latz, das seine Wurzeln im Death-/Black Metal Bereich hat. An und für sich geht es thematisch zwar eher in die Weiten der inneren Welten, des Daseinszustandes, allerdings kommt hier dank der musikalischen Rahmengebung ein fies-dunkler Klumpen vor die Füße. Leicht verdauliche Kost hört sich anders an, was aber gewiss nicht(!) als Abwertung gemeint ist. Noch tiefer bohrt sich "Tal der Tränen" (Track 4; Anspieltip I) in die Wunden des Protagonisten, der sich in einem Trauma gefangen sieht. Beeindruckend sind die perfekt an die Musik angepassten Worte, deren Emotionen einiges erf-/nachfühlen lassen. Den Bezug zu "Thion" als imaginären Ort der Flucht/Parallelwelt wird auch hier (wieder) hergestellt, so dass eine Art Konzept am Ende des Faden scheint.

Von der rein fiktiven Parallelwelt geht es mit "Mörder" (Track 5) weiter in eine futuristische Welt, die mich persönlich an die Grundstory vom Film "I Robot" erinnert, nur eben mit dem Unterschied, dass hier ein anderer Blickwinkel eingenommen wird. Es sind vor allem die Riffschübe, die Act Of Creation, umrahmt von metaltypischen Bollwerk, besonders gut stehen - "Dämon" (Track 6). Dass Act Of Creation ihre Thematiken so vielfältig halten, darf nicht unerwähnt bleiben, zumal es bei "Dämon" um die Sinnlosigkeit von Kriegen und Terrorismus geht. Eine andere Form des Terrors wurde in "Erde brennt" (Track 7; Anspieltip II) verarbeitet. Hier geht es um die personifizierte Pestilence namens Menschheit, die sich im Laufe ihrer Geschichte bislang oberflächlich betrachtet (Einzelfälle mal ausgeklammert!) nicht gerade mit respektvollen Ruhm bekleckert hat, was den Umgang mit diesen Planeten angeht. Abgesehen von Indianern und manchen religiösen-/naturverbundenen Menschen (z. B. Buddhisten; Peta, Greenpeace, Vegetarier/Veganer etc.) sieht es diesbzgl. nämlich verdammt industriell-, sprich pechschwarz aus! Im Kernpunkt geht es darum, dass Act Of Creation den Planeten personifizieren, also quasi transformieren und via dieses Stückes auf die Hirne der Hörerschaft ihre (Rache-)Gedanken abfeuern wie einen Kugelhagel. Auch hier besticht die musikalische Qualität erneut mit meisterlicher Detailverliebtheit (Soli) und klasse Riffschüben.

Aber auch die lyrische Qualität von Act Of Creation ist gereift wie guter Wein. Ich kenne nur wenige Bands, die z. B. das Thema Sucht so gut beschrieben haben. Da passen die leichten Punkeinflüsse im Stück "13 Tage" (Track 8) recht gut, wobei die Metal-Pfade zu keinem Zeitpunkt verlassen werden. Das aktuell mir am Meisten aus der Seele sprechende Stück (nebst "Erde brennt") ist "Niemand" (Track 9), dessen Thematik Ihr am Besten selbst rausfindet. (wobei mich eher nur die erste Songhälfte lyrisch anspricht bzw. mir aus der Seele spricht) Der meines Erachtens thematisch ausgetretenste Pfad auf "Thion" findet in "Schatten des Todes" (Track 10) statt. Ist man mittlerweile in undefinierbaren Tiefen angekommen, setzen Act Of Creation mit "Ewiger Frieden" (Track 11) einen Punkt, der angesichts des Songtextes den Atem stocken lässt. Man hat das Gefühl ein weiteres-, auf diesem Album festgehaltenes Trauma direkt mitzuerleben, womit mit Sicherheit nicht jede/-r Hörer/-in umgehen können wird.

"Ewiger Frieden" hat den Nachteil, dass das Stück fähig ist zu verstören, was anfangs streckenweise auch so ist, obwohl hier offenbar nichts anderes als die purste Form der Verarbeitung stattfindet. Diese Art von Verarbeitung hört sich (rein lyrisch!) genauso bitter an, wie sie sich im realen Leben vollzieht, womit "Thion" wieder Kurs zurück in Richtung Realität aufnimmt. Mit "Ein kleines Dankeschön" (Track 12) setzen Act Of Creation einen bombastlastigen Schlusspunkt auf "Thion". Eine Frauen(?)stimme (oder ist es gar ein Film-Sample?) mit einzubinden, ist übrigens nicht der schlechteste Gedanke. :-)

Schlussendlich ist "Thion" sicher kein Album, das man mal eben im Hintergrund laufen lässt, ohne etwas wahrzunehmen. "Thion" ist auch kein lauwarmer Aufguss von "Endstation", sondern ein eigenständiges Kapitel in der Bandhistorie von Act Of Creation.

8,0/10 Schafe Schüsse